Kulturbahnhof Leisnig
04703 Leisnig, Deutschland · 8.177 Einwohner:innenEin Haus für Musik und für Begegnung
Als Alireza Rismanchian und seine Mitstreiter:innen 2019 den alten Bahnhof von Leisnig betreten, steht das Gebäude seit fast 20 Jahren leer. Staub auf den Böden, kaputte Scheiben, bröckelnder Putz. Die Züge halten noch – doch im Haus passiert nichts mehr. Heute klingt hier Musik. Im Sommer sitzen Menschen im Garten, Kinder spielen, abends öffnen Café und Bar. Bands stimmen ihre Instrumente, Nachbar:innen kommen vorbei, Reisende bleiben stehen. Der Kulturbahnhof ist zu einem Treffpunkt geworden – für die Stadt und für Gäste aus vielen Ländern.
Vier Musiker suchen einen Ort
Die Gründer:innen kennen sich aus der internationalen Folk- und Weltmusikszene. In Workshops bringen sie Menschen aus verschiedenen Ländern zusammen, die sich gegenseitig ihre Musik beibringen. Was fehlt, ist ein Zuhause für diese Begegnungen. Im Internet stoßen sie auf eine Anzeige: ein leer stehender Bahnhof in Leisnig. Ein großes Gebäude von 1870, direkt an einer noch aktiven Bahnlinie. Die vier – zwei aus Berlin, zwei aus Tübingen – fahren hin und kaufen das Haus. „Der Kauf war nicht das Schwierige“, sagt Rismanchian. „Die eigentliche Herausforderung sind die Sanierungskosten.“
Ein Sommer aus Staub und Musik
Im ersten Sommer ziehen Freund:innen aus ihrem Musiknetzwerk für mehrere Wochen nach Leisnig. Tagsüber räumen sie Schutt, tauschen Fensterscheiben, sichern das Gebäude. Abends holen sie Instrumente heraus. Aus diesen Proben entsteht das erste Bahnhofsorchester. Beim Tag des offenen Denkmals spielen sie ihr erstes Konzert. Viele Menschen aus der Stadt kommen – einige singen oder spielen gleich mit. „Die Leute haben uns vom ersten Tag an unterstützt“, sagt Rismanchian.
Ein Ort wächst
Noch ist der Bahnhof eine Baustelle. Ein großer Teil des Hauses wartet auf seine Sanierung. Doch einige Räume funktionieren bereits: ein Konzertsaal, die alte Gepäckhalle als Café und Bar, ein Workshopraum im ehemaligen Stellwerk. Im Sommer füllt sich der Garten mit Konzerten und Tanzabenden. Ein Höhepunkt ist das Große Bahnhofsorchester: Musiker:innen aus verschiedenen Ländern proben gemeinsam mit Menschen aus der Region und stehen am Ende zusammen auf der Bühne.
Ein zweites Zuhause
Rund um den Bahnhof hat sich eine Gemeinschaft gebildet. Die Betreiber:innen nennen sie die „Bahnhofsfamilie“. Viele helfen beim Renovieren, organisieren Veranstaltungen oder spielen selbst Musik. Der Ort verändert die Stadt. Manche sind nach Leisnig gezogen, weil hier Kultur stattfindet. Andere haben neue Freundschaften geschlossen. „Viele sagen uns, dass der Bahnhof ihr zweites Zuhause geworden ist“, sagt Rismanchian. Doch der Weg bleibt anstrengend. Die Renovierung kostet Zeit und Geld. Trotzdem machen sie weiter. Der größte Antrieb sind die Besucher:innen vor Ort, die ihnen danken und sie bitten, weiterzumachen. „Man sieht hier direkt, was Kultur bewirken kann“, sagt Rismanchian. „Menschen kommen zusammen. Und plötzlich gehört ihnen dieser Ort.“

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