Stadt in der Stadt – Die Schrauberwerkstatt in Schweina
36448 OT Schweina, Bad Liebenstein, Deutschland · 2.946 Einwohner:innenSchrauben für die Zukunft: Die Werkstatt von Stadt in der Stadt e. V.
Mitten in Schweina im Thüringer Wald, einst ein lebhafter Industriestandort, steht ein großes Fabrikgebäude aus einer anderen Zeit. Früher wurden hier Pfeifen hergestellt. Heute nutzt der Verein Stadt in der Stadt e. V. einen Teil der Hallen. In der großen Halle stehen eine Theke und Sitzgruppen. Dahinter liegt eine Werkstatt voller Werkzeug, Hebebühnen und Ersatzteile. Hier treffen sich Jugendliche, um an Simson-Mopeds zu schrauben. Im Keller probt gelegentlich eine Punkband. Der Ort wirkt eher funktional als gemütlich. Doch er schafft etwas Wichtiges für den Ort: Menschen kommen hier zusammen.
Ein Projekt aus einer Schnapsidee
Initiiert hat das Projekt Vaiko Weyh. Er wuchs in Schweina auf, als der Ort noch von Fabriken und regem Vereinsleben geprägt war: Schach, Ringen, Tanz und Disko. Nach der Wende verschwanden viele Treffpunkte. Seitdem gibt es vor allem für junge Leute wenig Angebote im Ort – und wenig Perspektiven. Der erste Impuls für neue Aktivitäten kam eher zufällig. Aus einer spontanen Idee entstand ein Mischmaschinenrennen, bei dem Teams mit Spoilern und Rennreifen umgebaute Betonmischer durch den Ort schoben. Tausende Zuschauer:innen kamen. Der Erfolg zeigte: Im Ort gibt es Interesse an neuen Angeboten. 2018 gründete Weyh mit Mitstreiter:innen den Verein Stadt in der Stadt e. V. und zog in Räume der leer stehenden Pfeifenfabrik.
Schrauben statt Unterricht
Heute bildet eine Schrauberwerkstatt das Herzstück des Projekts. Jugendliche zwischen 12 und 15 Jahren lernen hier, Mopeds zu reparieren, Motoren zu zerlegen oder Elektrik zu verstehen. Weitere Aktivitäten wie Modellbau, kreatives Gestalten mit CNC und Lasertechnik, Siebdruck und Autoball mit ferngesteuerten Holz-Trabant-Fahrzeugen kamen dazu. Der Ansatz ist einfach: ausprobieren statt Unterricht. Einige entdecken dabei ihr Interesse für technische Berufe. Andere kommen einfach gern vorbei, um gemeinsam zu tüfteln.
Ein offener Treffpunkt
Neben der Werkstatt gibt es Konzerte, Filmabende oder Lesungen. Auch regionale Geschichte spielt eine Rolle – etwa bei Veranstaltungen zur DDR-Vergangenheit mit Fachleuten und Zeitzeugen. Oder bei Kooperationen mit der jüdischen Landesgemeinde zur Geschichte der Simson-Familie. Viele wirken weit über die Werkstatt hinaus und beleben nicht nur das Fabrikgelände, sondern auch den Marktplatz. Die Theke ist nachmittags ab 16 Uhr geöffnet und inzwischen eine Art Dorfkneipe geworden. Noch nutzt der Verein nur einen Teil des großen Geländes. Vieles ist improvisiert, manches bleibt im Winter kühl. Doch der Ort funktioniert: Ein wenig Gründergeist ist zurückgekehrt. Jugendliche haben einen Treffpunkt, entwickeln Perspektiven – und in der Werkstatt drehen sich jeden Nachmittag wieder Schrauben.

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